Mein Leben erzählen. Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn wie bringt man Jahre voller Höhen, Brüche, Angst, Hoffnung und Neuanfänge auf ein paar Seiten Papier? Wie erzählt man ein Leben, das sich innerhalb einer einzigen Sekunde komplett verändert hat?
Ich bin erst 34 Jahre alt. Und doch habe ich Dinge erlebt, die andere vielleicht nie erleben müssen. Aber ich stehe heute hier. Und darauf bin ich stolz.
Ende 2024 kam Sabine auf mich zu. Sie wusste, dass ich meine Geschichte weitergeben möchte. Und sie fragte mich: „Kevin, möchtest du einen Vortrag über dein Leben halten?“
Ich zögerte. Denn sein eigenes Leben aufzuschreiben heißt auch, sich ihm zu stellen. Den schönen Momenten. Aber auch den schmerzhaften.
Und trotzdem: Ich habe Ja gesagt. Weil genau das mein Weg ist.
„Mein Leben und ICH“
Bevor ich beginne, möchte ich ehrlich sein: Die richtigen Worte für diesen Abend zu finden, war schwer. Sehr schwer. Aber dank Sabine Eichler stehe ich heute hier – und darf mein Leben mit euch teilen.
Zu mir: Ich bin seit etwa zwei Jahren Teil des Club’82. Wir haben bereits gemeinsam gelacht, gesprochen, erlebt. Ich bin 33 Jahre alt. Und wieder einmal stehe ich an einem Neuanfang.
Warum ich heute hier bin? Weil es mein Ziel ist, meine Geschichte weiterzugeben. Nicht, weil sie besonders ist. Sondern weil sie echt ist.
Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte in sich. Allein. Mit anderen.
Im Beruf. Im Sport. Oder – so wie heute – hier beim Babbelabend.
Den Club’82 kannte ich früher nur von außen. Von der Schule. Vom Benefizlauf. Nie hätte ich gedacht, eines Tages hier zu stehen. Nicht als Zuhörer. Sondern als Erzähler.
Früher dachte ich: So etwas passiert mir nicht.
Was habe ich denn mit Behinderung zu tun? Warum sollte ich?
Ich war doch gesund. Hatte Träume. Pläne. Ein Leben, das scheinbar genau so lief, wie es laufen sollte.
Mit 18, 19, 20 Jahren wusste ich, was ich wollte: Die Bäckerei meiner Eltern übernehmen. Dritte Generation. Meinem kranken Vater helfen. Meine Mutter entlasten. Meine Ideen einbringen. Meine Leidenschaft leben.
Meine Freundin war an meiner Seite. Ich war jung. Hatte meinen Meistertitel. War sportlich erfolgreich – Torwart der ersten Mannschaft, Meisterschaft. Eigene Wohnung. Zwei Hunde.
Ein gutes Leben. Ein glückliches Leben.
Der nächste Schritt? Heiraten. Familie.
Alles war geplant. Der Termin stand. Die Einladungen waren verschickt.
Und dann … kam dieser eine Tag.
Ein ganz normaler Tag. Sonne. Erstes Fußballtraining der neuen Saison.
Perfekt für eine Fahrt mit dem Motorrad. Nur ein Ort weiter.
Und dann – war alles vorbei.
Ein Mensch. Ein Beruf. Ein Traum.
Eine Sekunde. Eine einzige Sekunde.
Geld kann vieles verändern. Aber eine Sekunde kann ein Leben zerstören.
Vielleicht war ich zu schnell. Vielleicht zu unachtsam. Ich weiß es nicht.
Sechs Wochen Intensivstation. Gebrochene Hand. Zerquetschte Lunge. Zwei DIN-A4-Seiten voller Verletzungen.
Ich kämpfte ums Überleben. Und in meinem Kopf nur Fragen: Warum ich? Wird das jemals wieder? Bitte – lass das nur ein Traum sein.
Aber es war keiner.
Die Diagnose: Kompletter Querschnitt. Rollstuhl. Neuanfang.
Im Juni 2025 sind es zehn Jahre. Zehn Jahre, die mein Leben neu geformt haben.
Ich habe neu gelernt zu leben. Neu zu fühlen. Neu zu hoffen.
Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Und auch Menschen, die gegangen sind. Ob das ohne Rollstuhl genauso gewesen wäre? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Aber eines weiß ich: Der Mensch zählt. Nicht das Schicksal. Nicht die Einschränkung.
Seit über drei Jahren werde ich gefragt: „Wie geht es dir?“
Meine Antwort ist ehrlich: Der Rollstuhl ist mein kleinstes Problem.
Denn durch ihn durfte ich Dinge erleben, die mein Herz füllen: Rollstuhlbasketball. Inklusionsläufe. Weihnachtsmann im Rollstuhl. Inklusions-Boccia.
Und heute – dieser Abend. Dieser Moment. Hier bei euch.
Ich darf meine Geschichte erzählen. Und ich hoffe, sie macht Mut.
Denn wir alle fallen. Aber wir können wieder aufstehen. Manchmal anders als vorher. Aber oft stärker.
Und genau das verbindet uns: Geschichten.